Ausfahrt ins Oberreintal

Zum Ende der Hitzewelle machen wir uns zu siebt auf ins Oberreintal. Die meisten starten ausgeschlafen mit dem ICE um acht bzw. halb neun vom Frankfurter respektive Mannheimer Hauptbahnhof. Einer nur ist besonders motiviert und ist deutlich früher unterwegs, mit dem Deutschlandticket – aber hey, dafür günstiger! In München-Pasing treffen wir dann alle zusammen, nur um in der völlig überfüllten S-Bahn nach Garmisch direkt wieder voneinander getrennt zu werden. Komisch… was wollen bitte so viele Leute am Freitagmittag in den Bergen? 

Wiedervereint zeigen sich beim gemeinsamen Einkaufen schnell die unterschiedlichen Prioritäten: Will man zu den obligatorischen Nudeln (ja, richtig gelesen – auf der Oberreintalhütte kommt nichts anderes in den Topf) wirklich noch Auberginen, Zucchini oder gar Salat nach oben schleppen? Oder reicht ein bisschen Tomatenmark und fürs Mittagessen ein Riegel (pro Tag, versteht sich)?

Nach dem Einkauf ging es zügig los – wie verabredet durch die Klamm, den kürzesten, schnellsten und angenehm kühlen Weg. Allerdings auch den teureren. Noch teurer, wenn man sich erst ein vermeintlich günstiges, aber schon benutztes Ticket andrehen lässt und dann noch ein reguläres kaufen muss. Moment mal… „wie verabredet“? Warum fehlt plötzlich die Hälfte der Gruppe? Ach so, ihr wolltet gar nicht durch die Klamm und seid vorher abgebogen? Hm, an der Kommunikation können wir noch arbeiten. Der Klammweg hat immerhin so viel Zeit gespart, dass noch eine Badepause drin ist…

 Am nächsten Tag wird endlich geklettert. Ein Grüppchen verspeist das MegaSchmankerl - angeblich sehr lecker und ohne Bauchgrummeln. Im Treppenhaus hingegen war der Aufzug kaputt, oder zumindest unauffindbar. Wohl dem, der ein paar Freundinnen dabei hat. Die Aspiranten der Altherrenpartie waren dagegen wohl einfach zu jung. Besser, sie versuchen es nochmal nach Vollendung des 60. Lebensjahrs. Ob es reicht, wenn die magische Grenze gemeinsam geknackt wird, oder muss jede/r einzeln? Das bleibt vorerst unklar. 

 Die Schlüsselstelle in der letzten Seillänge war jedenfalls eigentlich schon zu schwer, und wo geht es denn danach bitte weiter? Also Abbruch und fix abgeseilt. Sollte man meinen. Denn wie immer gilt: Wer (den Topo) lesen kann, ist klar im Vorteil. Hätten die beiden anders entschieden, wenn sie gewusst hätten, dass normalerweise nicht über die Route abgeseilt wird? Oder wie oft der Knoten sich verhängen wird, wieder hochgeklettert und/oder kräftig am Seil gezogen werden muss? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Und sollte man im losen Gelände überhaupt mit aller Kraft zu zweit am Seil rupfen? Pünktlich zum Sonnenuntergang – und mit den ersten Regentropfen – konnte das Abenteuer zum Glück unversehrt beendet werden. Und als Bonus: Liebe Menschen hatten sogar was vom Abendessen aufgehoben.

Am Sonntag scheint sich der Sommer dann vorerst verabschiedet zu haben und manch eines Vertrauen in die (Minuten-)Genauigkeit der Wettervorhersage wird schwer enttäuscht. Sollen Regen und Gewitter erst abends kommen? Schon Mittags? Spoiler: Es war morgens um neun. Die ersten drehen schon vor dem Einstieg auf dem Steilgras um. Fix neusortiert, neu gruppiert und unterwegs von netten fremden Leuten ein Foto vom Topo kopiert. Doch auch der Siebenschläfer will heute nicht erobert werden und spült die motivierten Kletterer nach der zweiten Seillänge wieder raus. Trocken blieb man nur in der Übungsroute: leicht und schnell, selbst wenn man weniger als die Hälfte der Stände überspringt. 

Nach einer Regenpause auf der Hütte nachmittags ein Wetterfenster – was tun? Die Mehrheit macht sich auf zu ein paar Sportkletterrouten, angeblich relativ regensicher unter Dach. Nur zwei waren am Morgen noch nicht in der Übungsroute, die doch auch geklettert werden will. Wie leicht ist sie denn nun? Zustiegsschuhe und am laufendem Seil? Klar geht schon! Äh… oder auch nicht? Total leicht ist halt immer subjektiv, das wussten wir doch schon. Also Kletterschuhe und das zweite Seil geholt, und dann aber zack zack, bevor der Regen kommt. Jeder zweite Stand kann gut übersprungen werden; wenn man allerdings noch ein paar mehr Haken ausgelassen hätte, wäre der Seilzug auch nicht ganz so schlimm... Erst in der vorletzten Seillänge holt der Regen die beiden ein: Schneller klettern heißt die Devise, und erfolgreich rauf- statt rausgespült. Im regensicheren Klettergarten wird derweil alles abgeklettert und sogar eine 9 projektiert. Das Dach ist dicht, tatsächlich! Das wissen allerdings auch die Schafe, die hier plötzlich in Massen Zuflucht suchen. Ach daher also die ganze Sch… naja, immerhin war‘s warm und trocken. 

Am Abend sind wir dann die einzigen auf der Hütte – wenig überraschend bei der Wettervorhersage für Montag. Die Optionen am nächsten Morgen sind überschaubar: Den Siebenschläfer hochspeeden? Nochmal die Übungsroute? Einfach Sportklettern bei der Hütte? Und täglich grüßt das Murmeltier: Kommt das Gewitter mit 7mm Regen um 11? Um 10? Oder doch schon um 9? Der Siebenschläferversuch endet diesmal schon im Zustieg. Die Übungsroute wird zur Canyoningeinlage – nicht alle Tage wird man direttissima durch den Wasserfall abgelassen, bibbernd und hoffend, dass wenigstens das Seil lang genug ist. Und das Sportklettern? Auch nass. Am Nachmittag dann noch ein Ausflug zum Schafsstall. Jaa, es stinkt. Hey, es ist trocken. 

Mit dem Abstieg im leichten Nieselregen und durch Nebelschwaden endet am Dienstag Vormittag ein erfülltes Wochenende voller kleiner Abenteuer (natürlich verläuft sich ein Teil der Gruppe kurz nach der Hütte – wie könnte es anders sein) und die Realität hat uns wieder. Eine Realität im Sommer 2026 mit extremer Trockenheit und Waldbränden auch in Deutschland, und doch hätten wir ganz vielleicht an genau diesem Wochenende und genau diesem Ort für genau unsere Pläne ein bisschen weniger Regen gebrauchen können.

Bericht: Martina Neuper, Fotos: Louis Giloi, Semyon Potesnov, Martina Neuper

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